Über Naginata
Auf den folgenden Seiten möchten wir Ihnen Naginata näher bringen. Sie finden Informationen über
die historische Waffe
Die „Naginata“
Das Wort „Naginata“ bedeutet, je nach japanischer Schreibweise (薙刀 oder veraltet 長刀), soviel wie „langes Schwert“ oder „mähendes Schwert“. Die Naginata ist eine Stangenwaffe aus Japan, welche die taktischen Möglichkeiten von Schwert, Speer und Stock in sich vereint. Häufig wird Naginata irreführenderweise mit Hellebarde übersetzt. Von den Waffen des europäischen Mittelalters kommt der Naginata die Glefe am nächsten, eine heute eher unbekannte Stangenwaffe.
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Ihre geschwungene Klinge kann dank des langen Stocks in mächtigen Schnittbewegungen geführt werden. Mit der Klingenspitze sind ebenso Stiche über große Distanz möglich. Darüber hinaus kann auch der Stock für Hiebe benutzt werden. Die Reichweite der Waffe erlaubt einem Naginata-Kämpfer, einen Gegner von Kopf bis Fuß anzugreifen.
Im japanischen Mittelalter wurde die Naginata sowohl vom Fußvolk, als auch von der Reiterei eingesetzt. Neben den japanischen Rittern (Samurai) und Fußsoldaten (Ashigaru), ist die Naginata die typische Waffe der buddhistischen Kriegermönche (Sôhei) und häufig wurden Samuraifrauen in ihrem Umgang geschult.
Die Bedeutung des Wortes „Naginata“ offenbart bereits die Verwandschaft zum japanischen Schwert bzw. Säbel. Naginataklingen wurden mit der gleichen Kunstfertigkeit geschmiedet und herausragende Exemplare waren Familienerbstücke. Sie besaßen die gleichen Eigenschaften, wie Schärfe und Elastizität, die auch ihre kürzeren Verwandten auszeichneten.
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Über die Jahrhunderte änderten sich die Vorlieben und die Abmessungen der Naginata wurden den aktuellen Einsatzbedingungen angepasst. So findet man Naginata mit einer Gesamtlänge von 1,50 m bis 2,50 m mit Klingen zwischen 30 cm und 1,20 m. Manche Ausführungen verfügten über ein Stichblatt (Tsuba), wie es auch von Katana bzw. Tachi bekannt ist.
Autor: Andreas Nicol
eine kleine Klingenschau
Hier Berichte aus unserem wilden ersten Jahren. Im Laufe der Zeit änderten sich die Plattformen und Formate. Aktuelleres aus unserem „Tagesgeschehen“ findet sich heute auf Facebook und Instagram.
Eine kleine Klingenschau

Oben und unten: Privatbesitz
Naginata, Klinge 40 cm, Gesamtlänge 76 cm
Signatur:
Kaga (Name einer alten Provinz, heute Teil der Präfektur Ishikawa)
Fujiwara (Name eines berühmten japanischen Adelsgeschlechtes)
Iehara (Name des Schmiedes)
Iehara hat im 17. Jahrhundert geschmiedet. Klingen von ihm sind nach 1650 bekannt. Diese ist vermutlich von ca. 1665.


Oben und unten: Privatbesitz
Naginata, Klinge 77,5 cm (länger als eine typische Katanaklinge!), Gesamtlänge 148 cm
Signatur:
Jôshûjû – in Jôshû lebend (Name einer alten Provinz, heute Präfektur Gunma)
Morishige (Name des Schmiedes)
ca. Mitte des 16. Jh.

Hier eine kleine Auswahl von Klingen, die in den Daueraustellungen einiger japanischer Museen betrachtet werden können.
Für die Zusendung weitere Adressen oder Bilder bin ich dankbar.

Oben und unten: Tôkyô Nationalmuseum, Tôkyô
Naginata, Kamakura-Epoche, man beachte die außergewöhnlich lange Angel


Oben und unten: Kashima Jingu Schatzhalle, Kashima
Naginata, ohne Altersangabe, vermutlich Edo-Epoche


Oben und unten: Gedenkhalle für die Mongolenlandungen, Fukuoka
Naginata, geschmiedet in der Edo-Epoche, Ausführung im Stil der Kamakura-Epoche


Oben: Yûshûkan, Tôkyô
Nagamaki, Muromachi-Epoche
Autor: Andreas Nicol
die Geschichte
Geschichte der Naginata
Die erste schriftliche Erwähnung der Naginata stammt aus der Heian-Epoche (10. Jahrhundert). Zu dieser Zeit war die Naginata unter den Fußsoldaten verbreitet und für die Kriegermöchen war sie die typische Nahkampfwaffe. Die adligen Krieger favorisierten im Gefecht zunächst den berittenen Schuß mit dem Bogen. Insbesondere bis zum 14. Jahrhundert war die Naginata eine wichtige Kriegswaffe, deren Handhabung zur Grundausbildung eines Samurai gehörte, wie auch der Schwertkampf, das Bogenschießen oder Reiten. In dieser Zeit kämpften Krieger von Stand idealerweise in Duellsituationen und es gibt viele Beschreibungen von Naginata-Kämpfern in der zeitgenössischen Literatur, zum Beispiel in der „Heike Monogatari“. Ebenso findet man viele Darstellungen auf Gemälden aus dieser Zeit, wie auf den Rollbildern zur Mongoleninvasion. Die beiden Stellschirme im Museum für Osatasiatische Kunst in Köln mit ihren Bildern zur Schlacht von Ichi no Tani bzw. um die Uji-Brücke sind weitere Beispiele. Der geneigte Beobachter wird auf beiden Gemälden im Getümmel Benkei entdecken.

Japanische Enterkommandos auf dem Weg zur mongolischen Flotte 1281
(aus „Illustrierte Geschichte der Mongoleninvasion“ aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, Künstler unbekannt)
Später wurde die Naginata nach und nach durch Lanze bzw. Pike (Yari) vom Schlachtfeld verdrängt. Diese Entwicklung ging einher mit dem Aufkommen der Massenheere und dem Kampf in enger Aufstellung. Ähnlich den europäischen Heeren der Renaissance setzte sich das Fußvolk ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch in Japan fast ausschließlich aus Musketenschützen und Pikenträgern zusammen. Vor diesem Hintergrund war die Naginata keine vorteilhafte Waffe mehr für das Gefecht, denn ihr Einsatz benötigt Platz in allen drei Dimensionen, um die Klinge kraftvoll kreisen zu lassen.
In den unsicheren Zeiten der Bürgerkriege des 16. bzw. 17. Jahrhunderts wurden vermehrt Samuraifrauen im Umgang mit der Naginata geschult. Zur Verteidigung von Haus und Hof ermöglichte es die große Länge der Naginata, Eindringlinge (idealerweise mit einem Schwert bewaffnet) aus sicherer Distanz heraus zu kontrollieren. Die Hebelwirkung, resultierend aus der großen Länge, machte überdies das Ungleichgewicht an Muskelkraft wett. Berichte von Naginata-Kämpferinnen gibt es sogar noch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Aufstände dieser Zeit gegen die Restauration der kaiserlichen Macht sind durch den Film „Last Samurai“ hinreichend bekannt geworden.
Diese Enwicklungen der jüngeren Zeit sind der Grund, warum Naginata heute in Japan überdurchschnittlich stark von Frauen praktiziert wird. In Europa oder Amerika dagegen ist das Geschlechterverhältnis ausgewogener.

Frauen des Hauses Shimazu während der Satsuma-Rebellion 1877
(Holzschnitt von Nagayama Umôsai von 1877)
Autor: Andreas Nicol
Naginata als Kampfkunst bzw. -sport
Kampfsport / Kampfkunst
Naginata ist nicht nur der Name der alten, japanischen Stangenwaffe. Naginata bezeichnet gleichzeitig die Kampfkunst, die den Umgang mit der Naginata lehrt. Im Mittelpunkt steht dabei die Begegnung Naginatakämpfer gegen Naginatakämpfer. Das besondere an Naginata ist, dass nicht nur festgelegte Bewegungsabläufe (Shikake Ôji bzw. Kata) trainiert werden, sondern darüber hinaus auch in Rüstung gekämpft wird (Shiai). Naginata zeichnet sich durch große, schwingende Bewegungen aus, die kraftvolle Schnitte bewirken. Durch schnelle Handwechsel kann der Gegner von allen Seiten und von Kopf bis Fuß angegriffen werden. Das Hauptaugenmerk liegt zwar auf dem Schneiden mit der Klinge, aber der geschickte Einsatz des Stocks erlaubt eine Vielzahl von Kontertechniken.
Erläuterung der Begriffe Kampfsport und Kampfkunst in der Wikipedia.
>>Naginata – Video<<<

Trefferstellen
In Naginata existieren sechs festgelegte Trefferstellen. Im Wettkampf schützt die Rüstung diese Körperteile. Die Trefferstellen sind:
- Men -> Vertikaler Schnitt durch den Kopf
- Soku Men -> Diagonaler Schnitt durch den Kopf
- Tsuki -> Stich zur Kehle
- Kote -> Schnitt durch das Handgelenk
- Dô -> Horizontaler Schnitt durch den Rumpf
- Sune -> Diagonaler Schnitt durch das Schienbein

Die Trefferstellen in Naginata.
Shiai
Shiai ist der Wettkampf in Rüstung. Er dauert in der Regel drei Minuten oder endet, sobald einer der beiden Kontrahenten zwei Punkte erzielt hat. Die Gültigkeit eines Treffers wird von drei Schiedsrichtern bewertet und unterliegt strengen Kriterien. Die Anforderungen beinhalten zum Beispiel das Treffen der korrekten Stelle der Rüstung und mit der korrekten Stelle der Naginata, die absichtsvolle Ausführung, fortgesetzte Kontrolle über den Gegner und Koordination zwischen Körper und Naginata. Fair play und respektvoller Umgang mit dem Gegner und den Schiedsrichtern wird in Naginata groß geschrieben. So man Naginata als Methode der Selbstentwicklung betreibt, ist der Wettkampf kein Mittel zum Selbstzweck, aber ein wichtiges Hilfsmittel auf dem Weg. Selbst aus verlorenen Kämpfen kann man viel lernen, sofern man sich eine offene Geisteshaltung bewahrt.

Shiai
Shikake Ôji
Shikake Ôji bezeichnet in Naginata eine festgelegte Serie von Angriffen, Verteidigungen und Gegenangriffen (in vielen anderen Budô-Disziplinen Kata genannt) zwischen zwei Personen. Durch die Praxis von Shikake Ôji lernt man korrekte Haltung, Ausführung der Schläge, Abstand, Fußarbeit und vieles mehr. Es gibt acht Formen, die ohne Rüstung ausgeführt werden und alle Schläge werden rechtzeitig abgestoppt. Shikake Ôji ist auch eine wichtige Wettkampfdisziplin. Auf Turnieren treten im Engi zwei Paare gegeneinander an und es gewinnt die Mannschaft, welche die geforderten Formen sauberer und harmonischer ausführt. Ab der Graduierung dritter Dan übt man darüber hinaus die Verbandskata, eine Reihe von sieben weiteren, fortgeschrittenen Formen, für die es ebenfalls Engi-Turniere gibt.

Shikake Ôji
Körper und Geist
In Naginata werden sowohl körperliche als auch geistige Fähigkeiten trainiert. Auf der körperlichen Seite schult Naginata Ausdauer und Koordinationsvermögen. Unter den geistigen Fähigkeiten werden insbesondere Konzentration und Selbstdisziplin entwickelt. Die tiefere Beschäftigung mit Naginata bedingt eine Auseinandersetzung mit den Wertevorstellungen des japanischen Rittertums. Daher dient Naginata über die rein sportliche Betätigung hinaus der Entwicklung der Persönlichkeit und wird an vielen japanischen Schulen gelehrt.
Autor: Andreas Nicol
die dafür nötige Ausrüstung
Naginata - Ausrüstung
Beginnen kann man die Kampfsportart Naginata mit Trainingsanzug und einer ausgeliehenen Übungs-Naginata. Mittelfristig kauft man sich eine eigene Naginata und die dazu gehörige Kleidung. Langfristig kommt die Rüstung dazu, bei der ebenfalls die Möglichkeit besteht, zunächst mit einer geliehener Ausrüstung zu trainieren.
Bekleidung
Die traditionelle Bekleidung für das Naginata-Training besteht aus Hakama (袴) und Keiko Gi (稽古着). Der Hakama ist ein schwarzer oder indigofarbener Hosenrock mit charakteristischen Längsfalten. Darunter trägt man eine weiße Jacke (Keiko Gi) und wahlweise einen Gürtel (Obi (帯)). Besondere Schuhe sind nicht erforderlich, da barfuß trainiert wird.

Keiko Gi

Hakama

Obi
Übungs - Naginata
Für das Training gibt es eine spezielle Übungs-Naginata. Bei dieser ist die Klinge durch zwei gekrümmte, flexible Bambusstreifen ersetzt, damit das Verletzungsrisiko minimiert wird. Die Bambusstreifen sind mit Klebeband auf der Holzstange befestigt. Eine Übungs-Naginata wiegt mindestens 650 g bei einer Länge von 2,10 bis 2,25 m.
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Shiai Naginata
Rüstung
Während Schläge bei den Grundübungen und den festgelegten Formen abgestoppt werden, ist dies im Wettkampf nicht der Fall. Daher gibt es eine umfassende Schutzausrüstung (Bôgu), welche die Trefferstellen, die bei Naginata angegriffen werden dürfen, schützt. Die Rüstung besteht aus besteht aus:
- Helm mit Gittermaske (Men)
- Brustpanzer (Dô)
- Handschuhen (Kote)
- Unterleibsschutz (Tare)
- Schienbeinschützern (Sune Ate)

Naginata Schutzausrüstung (Bôgu)
Autor: Andreas Nicol
das Verhältnis zwischen Naginata und Kendo
Naginata und Kendo
Naginata ist global betrachtet dem japanischen Schwertkampf (Kendo) verwandt. Dies zeigt sich bei den Wettkampfregeln wie auch bei der Ausrüstung. Die Bewegungen und Techniken jedoch sind sehr verschieden. In Kendo steht man stets frontal. Die Naginata wird aus einer seitlichen Haltung heraus geführt und diese existiert in beiden Körperausrichtungen, da Handwechsel häufig sind. Daher und auf Grund der größeren Zahl von Schnitten ist die Zahl der Naginata-Grundbewegungen deutlich umfangreicher. Während in Kendo eine starker Vorwärtsimpuls und Durchdringung gelehrt wird, werden Naginataschnitte aus Körperdrehungen abgeleitet, die auf Distanz bleiben.
Die Rüstung, wie sie in Naginata verwendet wird, basiert auf dem Kendo Bogu. Für Naginata ist sie im Wesentlichen um Sune Ate ergänzt worden, und die Kote sind weicher und mit separatem Zeigefinger ausgeführt. Ähnlich wie im Kendo das Schwert durch ein Bündel aus Bambusstreben (Shinai) ersetzt wird, verfügt die Naginata für Shiai über eine flexible Bambusklinge.
Der gemischte Wettkampf zwischen einem Naginataka und einem Kendoka heisst Isshu Jiai. Die unsymmetrische Paarung ist besonders reizvoll, sie soll jedoch ein gewisses Maß nicht überschreiten, da sie für beide Seiten in Teilen eine Abkehr von dem Ideal der eigenen Disziplin bedeutet. Die unterschiedlichen Bewegungsabläufe und eingeübten Distanzen bergen ein Verletzungsrisiko (insbesondere für den Kendoka), weshalb Naginataka erst mit einer Graduierung von zweitem Dan oder höher an einem Isshu Jiai teil nehmen dürfen.


Autor: Andreas Nicol
und über die Koryû Naginatajutsu (die alten Naginata-Stile).
Koryû Naginatajutsu
In alter Zeit gab es in Japan ein Vielzahl verschiedener Naginata-Stile, Schulen und Überlieferungslinien (Ryûha). Von diesen existiert heute noch eine kleine Zahl, die aktiv praktiziert wird. Darüber hinaus gibt es auch Schulen, die sich mit der Naginata neben anderen Dingen beschäftigen. Sie alle unterscheiden sich – zum Teil erheblich – in der Art und im Gebrauch der Naginata. Die meisten Schulen benutzen einen ihnen eigenen Naginata-Typus, der sich in Klingenlänge, Stangenlänge, Klingenkrümmung, Schaftdurchmesser, Gewicht, etc. von dem anderer Schulen erheblich abheben kann. Zum Beispiel gibt es in Todaha Bukoryû die Kagitsuki Naginata, deren Querstange ganz besondere Techniken ermöglicht. Die Haltungen, Bewegungsabläufe, die Schnitte und Stiche, die mit der Naginata ausgeführt werden, können sehr unterschiedlich sein. Dies beginnt schon mit der Frage, ob ein Stil auf den gerüsteten oder ungerüsteten Kampf vorbereitet. Schulen, die sich gezielt an Frauen richten, können sich sowohl in der Ausführung der Naginata wie auch in deren Einsatz von Schulen für Männer unterscheiden.
Jede Schule hat ihre Besonderheiten und es ist schwierig, korrekte, allgemein gültige Feststellungen zu treffen, ohne die eine oder andere Schule außen vor zu lassen oder der zu zu vielen Ausnahmebemerkungen gezwungen zu sein. Allein jedoch gemeinsam ist das Training zu zweit (seltener auch zu dritt) auf der Grundlage von Kata, also festgelegten Mustern aus Angriff und Kontertechnik.. Dazu werden hölzerne Waffen benutzt. Alle Stiche und Schnitte werden kurz vor der Berührung abgestoppt. Eine umfassende Schutzausrüstung oder gar ein Wettkampf in Rüstung ist nicht vorgesehen (allein Maniwa Nenryû kennt den freien Kampf mit Kopf- und Handschutz im Rahmen seiner Schwertlehre). Was Naginata als Budô-Disziplin betrifft, so wurde die heute gebräuchliche Rüstung auf der Grundlage des Kendô Bôgu erst im 20. Jahrhundert eingeführt. Dies ist deshalb überraschend, weil der Grundtypus dieser Rüstung bereits seit ca. dreihundert Jahren für den Schwertkampf eingesetzt wird und es alte Holzschnitte gibt, die auch das Speer- und Naginatatraining mit Bôgu zeigen.
Dies ist der Versuch der heute noch nachvollziehbaren Vielfalt der Naginata-Schulen gerecht zu werden und einen möglichst vollständigen Überblick zu liefern. Diese Aufzählung unterliegt dem Wandel und der stetigen Ergänzung. Die große Schwierigkeit liegt darin, dass die überwiegende Mehrzahl der hier zusammen getragenen Schulen über keine oder nur eine Handvoll Praktizierende in Europa verfügt, geschweige denn Ausübende mit Lehrdiplom. Literatur zu diesem Thema ist in Japan verschwindend und in der westlichen Welt fast nicht vorhanden. Auch in Japan ist es schwer, Nachwuchs zu begeistern und manche Schulen verlieren nach und nach Mitglieder an Zahl und von hohem Kenntnisstand.
Wie für alle anderen Koryû Bujutsu (alten Kampfkünste) gilt natürlich auch hier, dass nur der lange Praktizierende einen bedeutenden Einblick gewinnt. Bücher, Bilder und selbst Filme sind nicht ausreichend um ein tiefes Verständnis einer Kampfkunst zu erlangen. Dieses alleine im Bereich Naginata in der Gesamtheit der Schulen zu erreichen, übersteigt selbst heute die Dauer eines Menschenlebens. Ein Großteil der hier zusammengetragenen Informationen beruht auf japanischen Quellen, idealerweise dem persönlichen Austausch mit Praktizierenden in Japan, und ist zunächst beschreibender Natur, beginnend mit der Auflistung der mir bekannten Ryûha. Nach und nach wird jede Schule ihren eigenen Eintrag bekommen. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil, ich freue mich über jede profunde Mitteilung, die zur Verbesserung, Erweiterung und Vertiefung beiträgt.
Schulen, die sich mit dem Gebrauch der Naginata befassen, fallen in zwei Kategorien: Naginata-Schulen und andere. Schulen, die sich unter anderem mit der Naginata beschäftigen. Letztere werden hier auf Grund der Naginata-Perspektive auf das Thema als gemischte Schulen bezeichnet.
Naginata-Schulen sind solche Schulen, in denen das Hauptaugenmerk auf die Ausbildung an der Naginata bzw. Nagamaki gelegt wird. Das schließt den Umgang mit anderen Waffen wie Katana, Kusarigama, etc. jedoch nicht aus. Ganz im Gegenteil, bei einigen Schulen überwiegt sogar im Formenschatz die Beschäftigung mit unsymmetrischen Waffenpaarungen, meist Katana gegen Naginata. Dies setzt voraus, dass sich der Praktizierende auch in einem gewissen Rahmen mit der anderen Waffe beschäftigt. Diese stellt üblicherweise die verlierende Seite einer Kata dar, was der inhaltlichen Ausrichtung auf die Naginata entspricht. Naginata-Schulen führen den Begriff „Naginata“ oder gar „Naginatajutsu“ im Namen und sind (in alphabetischer Reihenfolge):
- Anazawaryû Naginatajutsu
- Chokugenryû Naginatajutsu
- Higo Koryû Naginata
- Jikishinkageryû Naginatajutsu
- Tendôryû Naginatajutsu
- Todaha Bukôryû Naginatajutsu
- Yôshinryû Naginatajutsu
Gemischte Schulen sind solche Schulen, in denen der Umgang mit einer Vielzahl von Waffen (mitunter auch inclusive waffenlosem Kampf wie Ringen) gelehrt wird, von denen Naginata bzw. Nagamaki nur eine untere mehreren ist. Häufig liegt der Schwerpunkt auf dem Schwert. Zu den gemischten Schulen gehören (ebenfalls in alphabetischer Folge):
- Arakiryû
- Hinoshita Toride Kaizan Takenouchiryû
- Kashima Shinryû
- Kukishinryû
- Maniwa Nenryû
- Muhenryû Bôjutsu
- Shingyôtôryû
- Suiôryû Iai Kenpô
- Tatsumiryû Hyôhô
- Tenshin Shôden Katori Shintôryû
Auch andere heute noch praktizierte Schulen können früher über Kata mit Naginata verfügt haben, zum Beispiel Hôzoinryû Takadaha Sôjutsu, doch ist dieses Wissen im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Anmerkungen zur Transliteration:
Da es in der japanischen Schrift keine Zeichentrennung gibt, ist diese bei Transliterationen in die deutsche Schriftsprache grundsätzlich willkürlich. Der besseren Lesbarkeit halber ist es jedoch praktischer, den langen Namen einer alten Schule samt Nennung der Überlieferungslinie und Waffengattung in einzelnen Sinneinheiten zu notieren. Als Beispiel sei hier Hôzôinryûtakadahasôjutsu genannt, was in der Schreibweise Hôzoinryû Takadaha Sôjutsu (was soviel heißt wie: Schatzspeicherschule der Speerfechtkunst in der Takada-Überlieferung) bedeutend leichter lesbar ist. Ebenso ist die Verwendung des Bindestrichs z. Bsp. für Xryû als X-Ryû bzw X Ryû eine Geschmacksfrage.
Abschließend gilt: Entscheidend ist alleine die japanische Schriftform, denn die genannten Fragen treten nur in der Übertragung in eine andere Schrift auf.
Autor: Andreas Nicol